Auszüge aus der Rede von Dr. Jürgen Brust zur Vernissage der Ausstellung „Chiffren für Lebendiges“, 14.12.08, Naturhotel Chesa Valisa, Hirschegg, Östereich  


Der Zugang zur Kunst, speziell zu zeitgenössischer Kunst, erscheint vielen Menschen schwierig. Das beginnt mit der Frage was Kunst eigentlich ist. Man hat in der Moderne den Eindruck großer Beliebigkeit. Eigentlich kann alles Kunst sein, nicht nur die berühmte Fettecke von Beuys. Manche Künstler stellen ein Pissoir ins Museum, andere Malen einen Eisberg rot an, andere verpacken öffentliche Gebäude, andere stellen leere Leinwände aus oder kleben Diamanten auf einen Totenschädel.

Früher, ja da gab es Qualitätskriterien: Kunst kam von Können, eine Kunst ohne handwerkliches Geschick war undenkbar, es gab strenge Ausbildungen, Regeln, die befolgt werden mussten, Perspektive, Komposition, den goldenen Schnitt. Es gab Akademien und Kunstkritiker und ohne ihre Anerkennung hatte ein Künstler keine Chance.

Die Künstler der Moderne haben sich von alledem befreit, sie haben alle Regeln gesprengt, alle Grenzen aufgehoben, alles in Frage gestellt, natürlich auch das Kunstwerk selbst, nicht um ein Werk geht es, das man in ein Museum stellen kann sondern um den Prozess, die Aktion, die Performance.

Hat nicht Beuys gesagt der Fehler beginnt bereits da wo einer sich eine Leinwand kauft? Oder Adorno, dass der Mensch künstlerisch nur noch durch den Schock zu erreichen wäre? Vielleicht war dies alles notwendig und musste einmal gewagt und errungen werden. Nur: wie soll es jetzt weiter gehen? Wenn jeder Mensch ein Künstler ist und alles Kunst sein kann, dann ist ein Endpunkt erreicht und wenn wir der vielen Schocks müde sind und auch da drohen abzustumpfen, dann lohnt es sich doch vielleicht wieder die Frage nach der Qualität in der Kunst zu stellen.

Was auffällt ist: Viele Menschen scheinen vor der Qualitätsfrage in der Kunst sprachlos zu werden. Lieber redet man über die Künstler oder den verrückten Kunstmarkt. Die Kunstwerke selbst sind Geschmacksache und über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Außerdem, wer es wagt Kunst schlecht, banal, plakativ zu finden, sprich sie zu kritisieren, läuft schnell Gefahr als konservativ und borniert zu gelten. Also beschränkt man sich auf ein vorsichtiges „gefällt mir ganz gut“, oder ein „sagt mir jetzt nicht so viel“ oder das unangreifbare „interessant“. Die Zeitschrift ART machte sich einmal über diese Art der Kunstbeurteilung lustig und stellte eine Liste von Standardfloskeln und Worthülsen zusammen aus denen 90% des Geplauders auf Vernissagen besteht:

Auf der abwertenden Seite z.B. bemüht, gewollt, geht gar nicht, flach, platt, prätentiös, überschätzt. Auf der positiven Seite: subtil, bewegend, intensiv, spannend, ambitioniert, visionär, ergreifend, präzise, komplex, zu Ende gedacht. Gibt es Qualitätskriterien jenseits dieser Worthülsen?

Wenn sie an einem Bild, das sie schon einmal gesehen haben einfach vorbeigehen können, weil sie es ja schon kennen, dann ist es mit seiner Qualität nicht sehr weit her. Bei einem guten Bild erschöpft sich das Sehen nicht im Erstkontakt, im Gegenteil, die Wiederbegegnung wird spannend, weil sich ihr Sehen im Wiedersehen verändert, weil sie jedes Mal neues entdecken, weil das Bild jedes Mal anders auf sie wirkt. Wenn die Kunst sich erschöpft in Gefälligkeit oder Effekthascherei dann ist sie bestenfalls gute Art déco.

Wenn sie bei vordergründigen Aussagen stehenbleibt und seien sie auch noch so sozialkritisch, wenn sie nichts weiter bietet als etwa eine abstoßende Gewaltdarstellung, die nur auf Betroffenheit und Abscheu zielt, dann ist sie nicht anders als ein Horrorvideo.

Sie können also fragen: ist das Bild nur gefällig oder gefällt es mir wirklich? Will es nur meine Sinne reizen, nur Wirkung erzielen, mich mit der Nase auf eine Aussage stoßen oder nur irritieren und Geheimnisvoll tun? Oder birgt es echte Rätsel, führen die Effekte in ein Thema, erzählt das Werk eine Geschichte, stellt es etwas in Aussicht? Lädt es zum Sehen ein ohne gleich auf den ersten Blick alles offen zu legen?

Qualität wäre demnach ein anderes Wort für das viel Versprechende, für eine Kunst, die verführt zum Innehalten und zu einem zweiten und dritten hinschauen, eine Kunst die sich erst nach und nach durch einen aktiven Prozess von Wahrnehmen und Reflexion und wieder Wahrnehmen und erneute Reflexion enthüllt.

Wir sind es mittlerweile gewohnt Bilder an und auszuschalten, her- und weg zu zappen. Bilder im digitalen Zeitalter verdienen keine Zeit, brauchen keine Geduld, sie sind Massenware. Das prägt auch die Art und Weise, wie Menschen die Bilder der Kunst sehen oder eben nicht mehr sehen. Doch wächst mit der flüchtigen Bilderflut zugleich das Bedürfnis nach Ruhe, nach Bildern die bleiben und fordern.

Bildern wie den hier gezeigten kann man anfangs nicht sprachlich oder analytisch begegnen, weil sie den ganzen Menschen, und dabei besonders den Wahrnehmenden, den Fühlenden, oder auch den Träumenden Menschen ansprechen. Ein staunendes Innehalten macht sich breit, bevor die Bildphänomene mit dem Blick durchwandert und auch einzeln vergegenwärtigt werden - um sie dann wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen, das sich im ersten Moment des Anschauens zeigte. Und dann ergibt sich im besten Fall ein Wechselspiel aus Sehen, Fühlen und Denken, jenes beglückende Geben und Nehmen zwischen Betrachter und Kunstwerk, das einen wesentlichen Teil der Freude an einem Kunstwerk ausmacht.

Letztlich formt ein freier und mündiger Betrachter das Kunstwerk um, er macht sich davon ein eigenes Bild, in seinem Innern nimmt es neue Formen und Bedeutungen an. Und das ist kein schlichtes Konsumieren von Kunst, sondern ein schöpferischer Akt ein Akt der Durchdringung und der Aneignung.

In diesem eben beschriebenen Prozess zwischen Betrachter und Kunstwerk liegt durchaus eine Parallele zur Arbeit der Künstlerin. Diese Bilder sind nicht im Kopf ausgedacht, sie sind nicht konstruiert oder in Skizzen nach und nach entwickelt. Sie entstehen in einem Prozess der fast meditativ im Unbewussten beginnt.

Die Leinwand wird zunächst mit einzelnen größeren Farbflächen bedeckt. Die Wahl der Farben und Formen ist dabei ganz intuitiv und folgt keinen bestimmten Vorstellungen. Allenfalls beeinflusst die momentane Stimmung, ein noch dumpf gefühltes Erlebnis vom Vortag, eine halbbewusste Reminiszenz an ein in der Natur geschautes Bild oder eine Form, vielleicht auch ein Text, ein Gedicht, mit dem sich die Künstlerin gerade auseinandersetzt. Tastend und suchend wird Schicht um Schicht aufgetragen um die Farben auf der Leinwand steuern zu können, ein Prozess der von Matisse als Navigation bezeichnet wurde. Dabei entstehen ein oder mehrere Zentren auf dem Bild in dem sich Flächen und Farben treffen. Und jetzt beginnt langsam ein Wechselspiel von Wahrnehmen, zurücktreten und bewerten, verändern ein Dialog zwischen dem Bild und der Künstlerin:

Hier ist eine Stelle zu gewichtig, da erfordert eine andere Stelle ein Gegengewicht, wenn diese Farbe so hervortritt muss sie sich an anderer Stelle wiederholen, diese Gestaltung verlangt nach einem Bezug zu einer anderen, jetzt treten Linien hinzu, die teils gezeichnet, teils geschoben, teils gekratzt werden. Flächen werden reduziert, andere verdichtet, hier muss noch eine Komplementärfarbe erscheinen. Hell-Dunkel Kontraste, der Rhythmus des Bildes, Widersprüche werden geprüft.

Dieser Prozess wird so lange wie möglich versucht offen zu halten, aber irgendwann tritt dann eine Assoziation auf, aus den vielen Elementen treten einige hervor, verführen zu einer gegenständlichen Deutung, einem Bezug zur Realität, der vielleicht akzeptiert wird, wenn er sich, wie Klee sagt unter einem zutreffenden Namen vorstellt. Dieses „gegenständliche Jawort“ führt dann zu weiteren Aufgaben, gibt die Anregung erneut Entscheidungen zu treffen, Flächen zu überarbeiten, Linien zurückzunehmen oder zu betonen, die zu dem einmal formulierten figurativen Element in zwangsläufiger Beziehung stehen. Diese Arbeitsweise ist gleichermaßen von Gewissenhaftigkeit, meditativer Konzentration und spielerischer Schaffensfreude geprägt.

Und das ist jetzt natürlich nichts, was die Künstlerin erstmals so entwickelt hat, es gibt viele zeitgenössische Künstler, die das ganz ähnlich beschreiben und es ist für sie immer wieder beglückend, bei Künstlern denen sie sich verwandt fühlt dann solche Zitate zu entdecken.

Etwa bei Emil Schumacher, mit dem die Künstlerin sich intensiv auseinandergesetzt hat und der seinen Malprozess so beschrieb: „ich taste mich langsam vorwärts, ohne dass ich im Einzelnen weiß wohin es führt. So male ich eine Form, füge eine Linie hinzu, einer Bewegung setze ich eine Gegenbewegung entgegen, kratze dieses fort, lass dort die Leinwand durchscheinen, eine pastöse Stelle hierhin, so wie ich fühle und denke, ohne dass ich eigentlich das Warum erklären kann.“

Oder selbst bei Anselm Kiefer der sagt: „Ich bin dann in der Materie, in der Farbe im Sand, im Lehm ohne Abstand, im Dunkel des Augenblicks… Das ändert sich dann beim Zurücktreten von der Leinwand… Ich habe nun ein gegenüber, ich beziehe mich auf etwas da draußen. Das Bild ist da und ich bin da in diesem Bild.“

Kein Künstler steht im luftleeren Raum und schöpft nur aus seinem Genie. Entscheidend ist, dass daraus eine autonome Bildschöpfung entsteht, eine eigene unverwechselbare Bildsprache. Und die ist bei der Künstlerin geprägt von manchmal überbordendem Ideenreichtum, Lust an der Farbe und an der Gestaltung, aber das Vielgestaltige verschwimmt nie in einem diffusen Ganzen sondern es wird durchgestaltet und durch Entsprechungen, durch Rhythmus, durch eine räumlich anspruchsvolle Konstruktion in einer klaren Bildordnung gehalten.

Im Verlauf dieses Werkprozesses wird ein lebendiger Bildorganismus gestaltet, wird eine Ausgewogenheit gesucht und erreicht, deren Ergebnis überprüfbar ist.

So entstehen Bilder die dem Betrachter nichts aufzwingen, sie lassen den Betrachter frei und sind doch bezwingend. Diese Bilder sind ganz bei sich und sind doch verlockend, ziehen in ihren Bann und wollen, dass man sie immer wieder mit neuem Blick wahrnimmt.